Venedig - eine Stadt für Entdecker

Der berühmte Karneval und damit die Zeit des ersten Trubels des Jahres war vorüber, das Wetter unbeständig mit kaltem Wind, Nebel und Nieselregen. Viele Aktivitäten, die die Stadt Touristen anbietet, waren noch nicht zu buchen, selbst die Gondoliere waren wenig engagiert beim Werben um die wenigen Fremden. Eigentlich keine gute Idee, Venedig das erste Mal zu besuchen. Ich aber hatte mich bewusst für dieses Zeitfenster entschieden 

 

Ich hatte zwei, drei Tage und einen konkreten Plan: Nach Möglichkeit allen Sehenswürdigkeiten aus dem Weg zu gehen, und das Venedig zu suchen, in dem Einheimische leben und arbeiten. Meine Herausforderung: keine Touristen zu fotografieren. Ob es mir gelungen ist? Nicht ganz ...

 

 

 

 

 

 

Eine Suche in Bildern

 

 

Der berühmte Karneval und damit die Zeit des ersten Trubels des Jahres war vorüber, das Wetter unbeständig mit kaltem Wind, Nebel und Nieselregen. Viele Aktivitäten, die die Stadt Touristen anbietet, waren noch nicht zu buchen, selbst die Gondoliere waren wenig engagiert beim Werben um die wenigen Fremden. Eigentlich keine gute Idee, Venedig das erste Mal zu besuchen. Ich aber hatte mich bewusst für dieses Zeitfenster entschieden 

 

Ich hatte zwei, drei Tage und einen konkreten Plan: Nach Möglichkeit allen Sehenswürdigkeiten aus dem Weg zu gehen, und das Venedig zu suchen, in dem Einheimische leben und arbeiten. Meine Herausforderung: keine Touristen zu fotografieren. Ob es mir gelungen ist? Nicht ganz ...

 

 

Anmutiger Verfall 

 

 

Venedig. Stadt der Menschenmassen, die sich zu Tausenden durch die Gassen schieben, sich an Plätzen sammeln, in Gondeln im Stau stehen, von Brücken mit ausgestreckten Armen sich selbst fotografieren. Aber auch Stadt des Wassers, der liebevoll und aufwändig vor dem Verfall bewahrten Gebäude, der Kulisse, die einen staunen lässt. Und Stadt des Handels. Schon immer und noch heute. Man muss nur früh aufstehen ...

 

Nahe der Rialto-Brücke (die abends wie auch die Accademia-Brücke einen spektakulären Blick gen Süden bietet, dann nämlich, wenn die untergehende Sonne die Häuser und das Wasser golden färbt), kann man ab etwa sechs Uhr erleben, wie der Markt aufgebaut wird. 

 

Und es ist ein Erlebnis! Wie sorgsam, geradezu liebevoll die Händler ihre Meeresfrüchte, Obst und Gemüse präsentieren, jede Schadstelle entfernen und dabei niemals in Hektik verfallen - das muss man einfach beobachtet haben. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Venezianer ruhen in sich

 

 

Es herrscht eine gelassene, achtsame Stille auf dem Marktplatz. Ob man es nun ZEN nennt oder auch über die Jahre gereifte Routine - diese zwei, drei Stunden sind erlebenswerter als alles, was Venedig sonst zu bieten hat. Auch die Kunden, die um diese Zeit nach Frischem Ausschau halten, passen in diese Szenerie. Man kennt sich.

 

Erstaunlich, welche Vielfalt das Meer uns Menschen als Essbares schenkt. Und auch erstaunlich für mich, die "Bergbewohnerin", wie respektvoll die Händler mit den Lebewesen umgehen. Das hatte ich so nicht erwartet.

 

 

Ein Leben mit dem Meer

 

 

Aber wie bringen die Händler ihre Waren an ihre Stände und in ihre Läden? Klar, mit Booten. Es gibt sie in allen Ausführungen und Größen, Erhaltungszuständen und Lautstärken. Nur schnell sein dürfen sie nicht, darauf achtet die Polizei gewissenhaft. Wellenschlag ist zu vermeiden. (Was offensichtlich nicht für Vaporetti gilt, wie die Wasserbusse genannt werden.)

 

Auf und um diesen Markt findet man Fotomotive jenseits des Mainstream. Ein kleines Universum voller Details, die zu entdecken ganz einfach ist, wenn man sich Zeit nimmt, einfach verweilt. Ein paar Stunden lang habe ich mit der Kamera festgehalten, was ich gesehen habe.

 

 

Beobachtungen und Begegnungen

 

 

Es waren skurrile Beobachtungen und interessante Gestalten zu entdecken. Etwa ein alter, sehr distinguiert einherschreitender und die Ware begutachtender Mann mit Zigarre und Stock. Man kannte ihn und begegnete ihm mit Respekt. Ich konnte mir gut vorstellen, dass er vor langer, langer Zeit Lehrer war.

 

Ein kleiner, dafür breit gewachsener Polizist in schicker Uniform, stolzierte hoch erhobenen Hauptes über den Markt. Flankiert wurde er von zwei stämmigen Soldaten in vollem Kampfdress,  schwer bewaffnet und mit grimmig zusammengekniffenen Augenbrauen unter ihren tief ins Gesicht gezogenen Helmen hervorspähend. Das ungleiche Trio wurde von Händlern und Kunden so nachhaltig ignoriert, dass ich mich fragte, welche Bedeutung dieses Verhalten wohl haben könnte.

 

In Deutschland würde man sich angesichts so offensichtlicher Staatsgewalt nicht so uninteressiert geben. Mich und meine Kamera bedachte der Polizist mit einem warnenden Blick, der mir signalisierte, dass ich nicht wagen solle, ihn zu fotografieren. (Tat ich trotzdem. Von hinten. Leider wurde das Bild unscharf.)

 

 

... und natürlich Gondeln

 

 

Gondeln prägen Venedig wie die bröckelnden Fassaden. Sie werden in der Stadt gebaut und liebevoll von ihren Besitzern gepflecht (wie man ebenfalls zu frühmorgendlicher Stunde beobachten kann). ondoliere darf nicht jeder werden, Frauen schon gar nicht. (Eine hat es jahrelang probiert, leider erfolglos. Sie arbeitet mittlerweile für ein Hotel und chauffiert dessen Gäste. Sie hat es aufgegeben, die Erlaubnis zu erlangen, als freie Gondoliera arbeiten zu dürfen.) 

 

"Echter" Venezianer muss man sein und eine Prüfung ablegen. Beobachtet man sie, wie sie ihre menschliche Fracht souverän um die Ecken steuern, wird einem klar, warum die Ausbildung fünf Jahre dauert.

 

Es ist noch heute ein Ehre, eine der wenigen Genehmigungen zu besitzen, Personen durch die Kanäle zu chauffieren - obwohl es schon lange nichts Besonderes mehr ist. Die Strecken sind festgelegt, die Zeit, die eine Tour dauert, ebenfalls. Die Preise sind hoch, das Erlebnis ... nun, das muss jeder für sich selbst beurteilen. Von romantischem "o sole mio" ist die Gondeltour mittlerweile so weit entfernt wie der Klingelton vom Geigenkonzert. Stolz strahlen sie dennoch aus, die Männer in blau und weiß.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kein Venedig ohne Touristen

 

 

Und so kam ich doch nicht ohne Foto mit Touristen nach Hause - asiatische natürlich, das Klischee will es so und die Realität leider auch. Das Bild zweier durch einen Kanal fahrender Gondeln verdeutlicht, was ich in diesen beiden Tagen erlebt habe: gelangweilte Menschen, die ihr touristisches Programm in festgelegten Zeittakten absolvieren, weil es eben dazugehört.

 

Die Männer an den Paddeln unterhalten sich, telefonieren, hören Musik. Die Passagiere fotografieren, filmen, schweigen. Ich wollte sie schütteln und fragen, was sie eigentlich gesehen haben, von dieser wunderschönen Stadt, wenn sie nach zwei Tagen weiterreisen nach Rom, Florenz oder Neapel. Doch ... nein, eigentlich wollte ich es nicht. Ich behalte es lieber für mich, was ich sehen, hören, riechen und spüren durfte in Venedig.

 

 

Liebe und andere Irrwege

 

 

Wer sich in Venedig nicht verirrt, hat Venedig nicht erkundet. Ich verfüge über einen hervorragenden Orientierungssinn - und doch erwischte es auch mich. Als ich am ersten Morgen auf der Suche nach Frühstück das Gässchen hinter meinem Guesthouse entlangeilte, wäre ich fast nass geworden ... 

 

Warnschilder gibt es nicht. Man muss eben auf sich selbst aufpassen. Diese Freiheit, dieses im Zeitalter der allgemeinen Reglementierung und Regulierung fast schon revolutionäre Denken hat man sich bewahrt. 

 

Venedig ist auch die Stadt der Liebe. (Sagt man. Wobei Liebe überall gedeiht. Auch das sagt man.) Ich habe keine Verliebten gesehen, was möglicherweise daran liegt, dass die Nieselregen und frische Temperaturen kaum Frühlingsgefühle zuließen. Schlösser, die ewige Verbundenheit symbolisieren und besiegeln sollen, findet man hingegen an jeder Brücke.

 

 

Der Zahn der Zeit

 

 

Alles scheint schneller zu altern in Venedig; der Verfall schreitet nicht, er rennt. Selbst am Markusplatz, dem inoffiziellen Zentrum der Stadt, ist er sichtbar. Gerade hier, wo man frisch renovierte Gebäude und Luxusmarken erwartet, wird man enttäuscht. Restaurants und Cafés, eine Galerie und ein Museum gibt es hier. Im März ist der Platz so gut wie leer, weder Touristen noch Tauben lockt es hierher, wo es zugig und zu weitläufig ist, um ein Wohlfühlort zu sein. 

 

Eigentlich ist der Markusplatz ein trauriger Ort. Traditionelle Läden sind geschlossen und harren dessen, was vielleicht kommen mag, wenn Subventionen bezahlt werden. Glas aus Murano kauft der Besucher hier schon länger nicht mehr. Auch venezianische Masken sucht man hier vergebens. Man erwirbt sie entweder direkt auf der Nachbarinsel, verbunden mit einem Ausflug und einer Führung, oder in einem der Läden in den Seitenstraßen. Dort sind Souveniers billiger und, dreht man sie um, "made in China". 

 

Natürlich gibt es sie, die Läden, vor deren Türen Männer in Sonnenbrillen, blank gewienerten Schuhen und dunklen Anzügen darauf warten, solventen Kunden die Türen zu öffnen und die Einkäufe zum Wassertaxi zu tragen und auch bereit sind, vor dem Geschäft nur zum Schauen Stehenbleibende sehr deutlich zu bitten weiterzugehen. 

 

 

Gesucht - und gefunden

 

 

Zwei Tage lief ich durch die Stadt, immer auf der Suche nach "dem" Venedig, das zu entdecken ich hergekommen war. Und ich habe es gefunden. Es liegt weit abseits der Gegenden, die in Führern als sehenswert beschrieben sind. Ich habe in unmittelbarer Nähe des Markusplatz gewohnt und Venedig doch weit entfernt davon kennengelernt. Ob ich wiederkomme? Ja. Dann vielleicht im November.

 

 

 

Fotos und Text:

Gina Bronner-Martin

März/April 2017